Ich sitze oder stehe (Vom Beten)

Beim Beten den Kopf tief nach unten beugen? Die Augen schließen, die Hände falten? So habe ich es schon als Kind gelernt. So ist es mir vertraut. Und diese Gebetshaltung erlebe ich auch in den meisten Gottesdiensten.

Doch es geht auch anders. In etlichen Gemeinden (z.B. charismatischen, pfingstlichen) stehen die Menschen auf, wenn sie zu Gott beten, sie öffnen die Hände, als würden sie jetzt etwas vom Himmel empfangen.
Nach alten Abbildungen aus frühchristlicher Zeit zu schließen, war das eine verbreitete Gebetshaltung der ersten Christen. Mich fasziniert das – obwohl es mir immer noch fremd ist.

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Foto: M.E. / pixelio.de

Der Theologe Jürgen Moltmann schreibt: „Was bringen wir zum körperlichen Ausdruck, wenn wir die Hände falten, den Kopf senken und die Augen niederschlagen? Wir gehen in uns, nehmen eine Büßerhaltung ein und sind wie im Schmerz in uns selbst verkrümmt. Niemals durften die Untertanen ihren Herrschern in die Augen sehen; die Hände zu falten, zeigt sie unbewaffnet wie gefesselt. …Man demonstriert eigene Schwäche, wenn man sich vor der Übermacht auf die Knie niederlässt. …Die Figur des so Betenden ist alles andere als eine erlöste Figur.“ (Jürgen Moltmann, „Der lebendige Gott und die Fülle des Lebens“)

Sicher ist diese Haltung zu bestimmten Zeiten angebracht: in Augenblicken höchster Konzentration, in tiefem Schmerz, in Verzweiflung und Unsicherheit. In der Haltung des Embryos gewinnen wir für einen Augenblick das Gefühl der Geborgenheit.
Doch vor allem brauchen wir dann das Aufstehen. Moltmann sagt: „Es ist eine Haltung wie in einer großen Erwartung und einer liebevollen Bereitschaft zu umarmen. Die sich in dieser Haltung Gott öffnen, sind ersichtlich freie Menschen. Sie wachsen gleichsam über sich selbst hinaus und werden groß. Die erhobenen Arme machen die Brust weit zum Atmen. Das aufrechte Stehen ist ein Ausgangspunkt für die Bewegungen im Raum, für das Schreiten oder Tanzen.“ Oder drücken wir es poetisch aus: Beten ist Tanzen mit Gott.

Manchmal sitze ich immer noch gebeugt vor Gott. Aber ich spüre deutlich, wie gut es mir tut, aufzustehen und mich (auch äußerlich) zu öffnen. Jesus kam nicht, um uns niederzudrücken, sondern um uns aufzurichten und zu erquicken.
In Psalm 31,9 heißt es, dass Gott uns in einen weiten Raum stellt. Was für ein Bild! Er stellt uns sozusagen mitten ins Leben. Er will, dass wir lebendig sind und uns entfalten. Das geht nicht, wenn ich mich verkrümme. Das geht nur, wenn ich aufstehe, nach vorne blicke und bereit bin, den Segen vom Himmel zu empfangen.

Eine Antwort zu “Ich sitze oder stehe (Vom Beten)

  1. lieber rainer. danke für deine gedanken. ich möchte das bild ‚des weiten raumes‘ aufgreifen, das du an das ende deines beitrages gesetzt hast. ich kenne die erfahrung dieser weite von erlebnissen in den usa, canada, asien, aber auch von den ostfriesischen inseln. wie und in welcher haltung in mich in diesem ‚raum‘ gott zuwende, muss und darf ich in diesen momenten selber entscheiden. beten mit einer gebärde auch immer (denn nichts anderes ist, was du in deinem text aufführst: es sind gebärden!) obliegt der einzelnen person und seinem gefühl. dazu zwei gedanken: ‚der mensch sieht, was vor augen ist, aber der herr sieht das herz‘ (sprüche salomo) und ‚wenn du betest, geh in dein kämmerlein und schließ deine türe zu und bete zu deinem vater im verborgenen…‘ (bergpredigt) erlösende und entspannende gedanken, wie ich finde.

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