Abschied nehmen

Gestern bekam ich die Nachricht, dass mein bester Freund gestorben ist. Seit der Jugendzeit sind wir eng verbunden. Wir leiteten gemeinsam die Pfadfinder in unserer Kirchengemeinde. Wir gaben eine Zeitschrift heraus. Wir schrieben, planten und führten zahlreiche Veranstaltungen durch.
Er wurde Lehrer im Gymnasium, war dort äußerst engagiert. Ein Bilderbuch-Lehrer. Für seine Schüler tat er alles. Er war unglaublich klug und hatte ein umfangreiches Wissen, das ich immer bewunderte. Vor wenigen Monaten ging er vorzeitig in den Ruhestand. Er blieb zeitlebens unverheiratet, lebte ganz für den Beruf. Und er hatte ein sehr, sehr enges Verhältnis zu seinen Eltern und seinem Bruder.

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Ausschnitt eines Bildes von Siegfried Fietz

Seit weit über 20 Jahren fuhren wir beide ein oder zweimal im Jahr zu unseren Wandertouren. Doch in den letzten Jahren sagte er oft gegen Mittag: „Zieh noch einmal allein los, ich ruh mich im Hotel aus.“
Was war passiert? Vor etwa 15 Jahren starb sein Vater, kurz danach die geliebte Mutter. Als wenig später auch sein Bruder starb, bekam er einen Knacks. Er baute eine hohe Mauer auf. Jedes Jahr zu Weihnachten „flüchtete“ er allein in irgendein Hotel. Hauptsache weg! Bitte keine Tränen! Die Trauer und den heilsamen Schmerz ließ er nicht zu.

Mich erreichte die Nachricht von seinem Tod gestern während der Arbeit an einem neuen Trauerbuch. Dort schrieb ich gerade sinngemäß: Die Trauer, die wir verdrängen, kommt an anderer Stelle wieder hoch und kann uns krank machen, ohne dass wir den eigentlichen Grund kennen.
Von Jesus wird der Satz überliefert: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ (Matthäus 7,3) Ich sehe darin die vielleicht wichtigste Herausforderung für unser Leben. Nur wir selbst sind in der Lage, an uns zu arbeiten und innerlich zu wachsen. Wir müssen unser Heilsein wollen und die notwendigen Schritte zu mehr Lebendigkeit wagen. (Vielleicht sogar mit professioneller Hilfe!) Der eigene Splitter oder Balken ist unsere Lebensaufgabe.

Nun müssen die, die ihm nahestanden, von ihm Abschied nehmen. Es werden viele Tränen fließen.

2 Antworten zu “Abschied nehmen

  1. Lieber Glaubenskurs- und Schreiberkollege, das hast Du schön beschrieben. Passt ein bischen zu meinem eigenen letzten Blog:
    http://scallsen.wordpress.com/
    Viele liebe Grüße!
    Sören

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