Ist der Mensch gut oder böse?

Schon am Anfang der Bibel stellt sich die Frage nach gut und böse. Im zweiten Schöpfungsbericht wird erzählt, dass Adam und Eva von den verbotenen Früchten im Paradiesgarten aßen. Das Ergebnis: Die Sünde war in der Welt. Und nicht genug, dass die beiden Ertappten als Strafe aus dem Paradies vertrieben wurden – die Sünde wurde außerdem noch an alle nachfolgenden Generationen vererbt. So sagen das zumindest viele Theologen seit Augustinus. Sie nennen es Erbsünde.
Ich kann mich erinnern, dass wir noch vor etlichen Jahren im Gottesdienst das Lied sangen: „Durch Adams Fall ist ganz verderbt menschlich Natur und Wesen“.

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Foto: F.Kolja Lenz / pixelio.de

Der Mensch ist ganz und gar böse? In ihm ist es dunkel? Was für ein pessimistisches Menschenbild! Und leider hat sich dieses Bild über die Jahrhunderte in der Kirche zementiert. Es hat unser Selbstbild und unser Miteinander beeinflusst. Es hat sogar unsere Kinder geprägt und wiederum deren Menschenbild. Und zahllose Menschen leiden unter pathologischen Schuldgefühlen.

In der Geschichte vom Paradies gibt es zum Glück nicht nur das Bild vom „Sündenfall“. Es gibt ein anderes, sehr eindrucksvolles Bild: Da heißt es, dass Gott aus Erde den Menschen formte und ihm seinen göttlichen Atem einblies. Ist das nicht phantastisch? Der Mensch trägt Gottes Geist in sich. In ihm leuchtet Gottes Licht. Was für ein positives Menschenbild!

Doch leider hat sich nicht dieses positive Bild durchgesetzt, sondern das Bild vom Menschen als Sünder. Wäre es nicht an der Zeit, nach Jahrhunderten voller Schuldgefühle und gegenseitigem Misstrauen das andere Bild etwas mehr in den Vordergrund zu holen? Wir wissen schließlich längst, dass wir das Beste aus einem Menschen „herauskitzeln“, wenn wir ihm vertrauen und ihm das auch zeigen. Wir wissen, dass wirklicher Friede nur möglich ist, wenn wir den Gegnern zutrauen, dass sie guten Willens sind.

Das fasziniert mich immer wieder an Jesus: Er verurteilte Menschen nicht, die vor den Trümmern ihres Lebens standen, sondern begegnete ihnen auf der Ebene ihrer tiefsten Sehnsucht. Und unter den Trümmern leuchtet ein helles Licht.

Ob der Mensch gut oder böse ist? Das ist für mich eher eine theoretische Frage. In der Praxis stelle ich fest: Sehe ich nur seine dunklen Seiten, bleiben wir beide im Dunkeln. Sehe ich in ihm das Licht, wird es für uns beide hell.

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5 Antworten zu “Ist der Mensch gut oder böse?

  1. ich denke, die Antwort ist „ja“.
    Wer nur die Unwürde des Menschen betont, ignoriert gewisse Stellen.
    Wer die Würde des Menschen betont, ignoriert gewisse Stellen.

    Imo sind Menschen beides – gut, mit Macht und Herrlichkeit gekrönt (Psalm 8) und „böse von Jugend auf (1.Mose 8, 21).

    Diese Parallelität gilt es „auszuhalten“ – im eigenen Leben und in dem anderer ….

  2. die Freundliche

    Lieber Rainer, ich halte mich auch an die und-siehe-es war-gut-Aussage. Die Geschichte zeigt mir symbolisch, als die Menschen vom Baum der Erkenntnis essen, dass fortan die Welt dual wird. Sie verlieren die Einheit des Paradieses und sind nun davon getrennt= von Gott getrennt= in Sünde (was ja nur heißt von Gott getrennt sein), Also suchen wir nun nach der Einheit. Und in der Einheit sind beides „Gut“ und Böse“, um ganz, um heil zu sein.Also ist der Mensch in der Tiefe Heil eins, ganz und im umfassenden Sinn gut. LG

  3. Reinhard Laun

    Hallo Rainer, danke für deine „Glaubenssplitter“, die mir einen Augenblick des Innehaltens vom Alltag schenken. Was „gut“ oder „böse“ ist, kann ich nicht beurteilen. Zum Beispiel siehe aktuelle Diskussion um militärische Bundeswehreinsätze Jürgen Todenhöfers Meinung vs. Gauck!
    Ich wünsche Dir noch eine gute Woche und freue mich auf deinen nächsten Glaubenssplitter. LG Reinhard

    • Lieber Reinhard, so erhoffe ich es: dass sich viele auf den nächsten Glaubenssplitter freuen. Und es darf mal ein Lächeln sein, mit dem du reagierst, mal ein Widerspruch, mal darf es eine Ermutigung für dich sein, mal eine Anregung – auf jeden Fall hoffentlich eine Bereicherung.

  4. lieber rainer. vielen dank für deine heutigen zeilen zum thema ‚gut und böse’. deinen ansatz teile ich liebend gern. ich denke gerne sogar noch ein stück weiter: die polarität ‚gut und böse’ wurde von menschen erfunden, die macht über andere menschen ausüben wollen (was an sich auch schon böse genug ist). diejenigen, die definieren, was in ihren augen ‚gut und böse’ ist, dürfen sich dann auch anmaßen, darüber zu urteilen. im neuen testament finde ich viele aussagen jesu zum thema ‚machtverzicht’, ‚gut und böse’ etc. es lohnt sich, danach zu stöbern. an dieser stelle möchte ich die ganzheitlichkeit unseres menschseins betonen: wir sind beides ‚gut und böse’. und es gilt täglich daran zu arbeiten, dass das gute überwiegt. das verstehe ich unter ‚nachfolge jesu’, dass ich mich darum bemühe, die dunklen seiten meines lebens einerseits zu akzeptieren, sie andererseits vom licht erhellen lasse und ‚umkehre von meinem bösen werken’… das finde ich perspektivisch betrachte ein lohnenswertes lebensziel. conclusion: ich halte von der sog. ‚erbsünde’ rein gar nichts und befürworte den schöpfungstheologisch positiven ansatz des ‚und gott sah, dass es gut war’. und das ist doch ein feiner unterschiede, finde nicht nur ich, oder?

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