Eine Säule umarmen

Ein älteres Ehepaar betritt die alte, romanische Kirche. Sie haben einen Reiseführer dabei, und er liest ihr sehr konzentriert daraus vor: „Erbaut etwa 1140 bis 1190. Der einzige Großbau der Romanik in Backstein am Oberrhein. Das Westportal mit einem Tympanon, Christus zwischen Petrus und Paulus…“
Mehr ist nicht zu verstehen, sie sind bereits vorne im Altarhaus angekommen.

Rheinmuenster
© Reinhard Sester – Fotolia.com

Wir setzen uns erst einmal hinten in eine Bank. Dort liegt eine Art Begrüßungsschreiben: „Willkommen im Schwarzacher Münster“.
Darin werden wir eingeladen, die Kirche nicht nur mit dem Verstand zu erkunden. „Atmen Sie den Raum ein und nehmen Sie seine Dimensionen und Luftbewegungen, seine Ansichten und Gerüche, seine Weite und Begrenzung, sein Licht und Schatten wahr.“ Schon bald entsteht eine wunderbare Begegnung mit diesem Raum, mit dem Geist der Mönche vor Jahrhunderten, mit den dankbaren oder verzweifelten Betern, mit dem Trost und der Liebe, die hier erhalten und verschenkt wurden. Mit Reiseführer hätten wir das verpasst.

Die Einladung geht weiter: „Lassen Sie den Raum sprechen: Säulen und Mauern, Bogen und Kapitelle, Altäre und Chorgestühl, Grabsteine und Skulpturen. Berühren Sie, was Sie anspricht, und beginnen Sie mit den Dingen in Dialog zu treten. Sie erzählen von dem, was sie erlebt und gesehen haben…: Ein Wort der Weite? Ein Wort der Geborgenheit? Ein Wort des Trostes? Ein Wort zur Umkehr? Empfangen Sie aus den behutsamen Berührungen, was Ihnen Raum und Dinge schenken.“
Wir trauen uns, erst vorsichtig, dann intensiver. Wir umarmen eine Säule, tatsächlich. Und wir beginnen, etwas zu ahnen und zu spüren von den Kräften, die hier gewirkt haben und noch wirken. Unser Verstand staunt – kopfschüttelnd -, auf welche Art und Weise unser Herz und unsere Seele diesen besonderen Raum wahrnehmen.

Weiter geht es: „Wo fühlen Sie sich am wohlsten? Verweilen Sie an dieser Stelle. Setzen Sie sich aufrecht hin. Lassen Sie Ihren Atem ruhig fließen. Verbinden Sie mit Ihrem Atem den Namen Gottes. Das ist beten. Lassen Sie den Rhythmus Ihres Atems diesen heiligen Namen immer wieder sprechen. Erinnern Sie sich daran, dass der Geist Gottes in diesem Raum wohnt und Sie anrühren möchte. Atmen Sie diesen Geist ein. Er ist eine Quelle der Kraft und des Trostes.“

Das ältere Paar ist längst weitergezogen, um ein paar Jahreszahlen reicher. Wir sitzen noch da und fühlen uns reich beschenkt.
Zuletzt lesen wir: „Verabschieden Sie sich von Gottes Gegenwart und sagen Sie ‚Auf Wiedersehen!“ Als wir gehen, sind wir gewiss, dass Gott uns hier in dieser Kirche nahe war, und dass er uns auch nahe ist auf all unseren Wegen. Seine Liebe und seine Kraft begleiten uns. „Auf Wiedersehen“ sagen wir trotzdem – zu einem ganz besonderen Ort.

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2 Antworten zu “Eine Säule umarmen

  1. Pingback: Willkommen in der Kirche! | GlaubensSplitter

  2. Lieber Rainer,
    danke für Deine Glaubenssplitter, die mich immer wieder innehalten lassen im Alltag!
    Diese „Gebrauchsanweisung“ für eine Kirchenbesichtigung werde ich definitiv ausdrucken und zu unserer nächsten Städtetour am kommenden Wochenende mitnehmen. Ich freue mich schon darauf, die nächste Kirche so ganz anders zu erkunden, zu er“leben“.

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