Die Mäuse und der unsichtbare Klavierspieler

Es liegt bereits etliche Jahre zurück, da fand ich diese Geschichte in einer englischen Tageszeitung:
Eine vielköpfige Mäusefamilie lebte seit Mäusegedenken in einem großen Klavier. Die Klavierwelt war häufig erfüllt von der wunderbaren Musik dieses Instrumentes. Es war ein herrlicher, harmonischer Klang. Lange Zeit waren die Mäuse davon ausgesprochen beeindruckt. Sie genossen die Musik und machten sich Gedanken, von wem sie wohl stammte. Ja, sie dachten gern an den unsichtbaren Klavierspieler, den sie nicht sehen konnten, aber der ihnen doch so nahe sein musste.

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Dann eines Tages machte sich eine besonders wagemutige Maus auf und erklomm die höher gelegenen Teile des Klaviers. Als sie von ihrem Ausflug zurückkehrte, war sie ganz in Gedanken versunken. Sie hatte herausgefunden, wie die Musik gemacht wird. Sie hatte das Geheimnis entdeckt: Metalldrähte! Gespannte Metalldrähte verschiedener Länge zitterten und vibrierten und ließen so die Töne entstehen. Da mussten die Mäuse ihren alten Glauben aufgeben: Keine der wirklich ernst zu nehmenden Mäuse konnte jetzt noch an den unsichtbaren Klavierspieler glauben.

Später sorgte eine andere Forschermaus für weitere Erklärungen. Jetzt waren kleine Hämmerchen das Geheimnis. Die Hämmerchen tanzten und sprangen auf den Metalldrähten. Diese neue Theorie war natürlich ein ganzes Stück komplizierter, aber sie zeigte besonders deutlich auf, in was für einer mechanischen und wissenschaftlichen Welt die Mäuse lebten. Der unsichtbare Klavierspieler wurde endgültig in die Welt der Märchen und Sagen verbannt.

Aber der Klavierspieler machte weiter seine wunderschöne Musik.

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3 Antworten zu “Die Mäuse und der unsichtbare Klavierspieler

  1. rotraudschmara

    Lieber Rainer, ich finde, die Geschichte geht noch weiter, hier meine Fortsetzung … :

    Es gab aber auch eine lauschende Maus in der Klaviergruppe, die ließ sich nicht beirren, entgegen aller scheinbar wissenschaftlich hieb- und stichfesten Beweise, weiterhin nach dem Wesen des Klavierspielers zu forschen, denn bei seiner Musik war ihr immer, wie sie sagte, „das Herz aufgegangen“. Mit den Jahren wandelte sich sowohl die Musik, als auch das Klavier: Die Musik wurde immer schöner und anrührender, ja, geradezu ausdrucksstark, und das Klavier wurde aufgrund unterschiedlichster Einflüsse „durchlässiger“; das Holz bekam Risse, und die kleine Dämmerwelt der Klaviermäuse wurde hin und wieder durch einen Lichtstrahl erhellt.

    Eines Tages stand die Sonne so, dass sich der neue Lichtstrahl direkt in das Blickfeld der Lauschenden Maus begab. Ein Spalt des Klaviers öffnete sich aufgrund der Wärme, des Alters und durch wunderbare Fügung und gab dieser Maus den Blick frei zum Gesicht des Klavierspielers. Sie hatte schon lange daran gedacht, dass die mechanischen Hämmerchen nur ein Werkzeug des Klanges waren, nicht sein Ursprung. Auch das Gesicht des Klavierspielers, so stellte sie in ihrer Mäuseeinsicht fest, war nicht der Erfinder dieser Musik, und, wie sie weiter dachte, noch nicht einmal das Blatt Papier, von dem der Klavierspieler seine ausdrucksstarke Musik zu holen schien, war dafür verantwortlich, dass die Maus jetzt ganz genau wusste: Diese Freude, dieser tiefe Friede, den sie beim Zuhören der Musik empfand und beim Genießen des Lichtblickes, die hatte jemand anderes ihr geschenkt, jemand, der sie unglaublich lieb hatte, der einfach alles für sie tun würde, damit sie dies auch mit Gewissheit fühlen durfte.

    Mit tiefer Einsicht fragte sich die Maus: Und er, der der Klavierspieler ist und seine Menschengeschwister, wissen sie es wohl auch, dass der, der das Beste gab und gibt, es nur für sie und die ganze Schöpfung gibt? Ob die Menschen die Musik des Lebens auch so gut würden hören können wie sie, die sie ihr ganzes Leben mit nichts anderem zugebracht hatte – etwas Mut, etwas Sehnsucht, etwas Zeit, Ruhe und gute Ohren würden sie schon brauchen – Sie wünschte sich so sehr, dass auch die Menschen diese große befreiende Freude empfinden könnten und dass sie das Wesen des Freudenspenders und sein einzigartiges Geschenk annehmen würden – hatte er doch sogar ihr, der einfachen Lauschermaus, den Lichtstrahl gesandt.

    Selig wandelte die Maus nun zu den anderen und erzählte ihnen, was ihr für ein gewaltiges Licht aufgegangen war. Und alle Mäuse freuten sich mit und hatten endlich ihr wichtigstes Rätsel gelöst.
    Rotraud

  2. die Freundliche

    Lieber Rainer, ich kenne diese Geschichte auch schon lange und finde sie immer wieder wunderschön. Eine Allegorie mit Gänsehaut-Effekt.
    Liebe Grüße

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