Schön, dass ich ihm eine Freude machen kann!

Rentner mit Rollator
© fotoman1962

Auf meinem Weg in die Altstadt erkannte ich ihn immer schon von Weitem. Mit seinem Rollator war er unterwegs, blickte starr nach vorn, um nicht vom Weg abzukommen. Im letzten Augenblick erkannte er mich auch. Freundlich und eifrig grüßte er mich. „So früh schon unterwegs, Klaus?“ fragte ich. „Du weißt doch, ich darf nicht rasten, sonst roste ich.“ Schon war er an mir vorbei. Ich sah, wie ihn kurz darauf eine ältere Dame ansprach. Er grüßte sie, wechselte ein paar Worte, schon ging es weiter.
Viele Menschen hier kannten Klaus. Im Sommer saß er oft vor dem Stift, in dem er auch wohnte. Von „seiner“ Bank grüßte er fleißig und wurde auch zurückgegrüßt. Man kannte sich halt. Eine ältere Dame verriet mir einmal: „Der arme Kerl. Er hat es ja so schwer! Aber er freut sich immer, wenn ich ihn grüße. Schön, dass ich ihm eine Freude machen kann!“
Das Sprechen fiel ihm schon etwas schwer. Das Gehen erst recht. Trotzdem machte er weiter. Ein kurzer Plausch, ein langer Spaziergang – sein Arzt hatte ihm viel Bewegung verordnet.
Ab und zu traf ich ihn unterwegs mit einer jungen Frau. Sie war Therapeutin, und jede Woche begleitet sie ihn zweimal für eine Stunde auf seinen Wegen, gab Hinweise und munterte ihn auf. Wenn sie mit ihm unterwegs war, war er kurz angebunden. „Hallo“, rief er mir dann entgegen, „das ist meine Physiotherapeutin. Muss schnell weiter.“ Einen sehr stolzen Eindruck erweckt er mit der jungen Frau an seiner Seite. Und obwohl ihm das Sprechen so schwer fiel, das Wort „Physiotherapeutin“ bekam er fehlerlos ohne Holpern heraus.
Manchmal staunte ich, wie viele Menschen ihn kannten und ein paar Worte mit ihm sprachen. Hinterher hatten sie stets das wunderbare Gefühl, dem „armen Kerl“ etwas Freude zu schenken, indem sie ihn beachteten und wertschätzten. Klaus war ja auch immer freundlich – freundlich und ziemlich leidend, weil er mit seiner Gesundheit unzufrieden war.

Vor einigen Monaten bemerkte ich, dass ich Klaus schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Ich machte mir Sorgen um ihn. So ging ich kurz entschlossen in sein Stift und fragte im Büro nach Klaus. „Ach, der Klaus, der ist beim Essen friedlich eingeschlafen. Er aß doch so gern. Das war für ihn bestimmt ein schöner Tod!“ Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Klaus ist nicht mehr da! Keine freundlichen Grüße mehr von ihm wie damals, wenn er eilig unterwegs war. Kein netter Plausch mehr, wenn er auf seiner Bank saß.
Nie wieder würden wir alle das wunderbare Gefühl haben, ihm etwas Gutes zu tun und ihm eine Freude zu bereiten. Wir vermissen ihn. Und längst ist uns deutlich geworden, dass in Wirklichkeit er derjenige war, der uns den Tag verschönert und uns eine Freude bereitet hat.

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