Das schwarze Bild

Blur or Defocus abstract image of the lobby of a modern art center as background

© thampapon 1/fotolia

Bei einem Besuch vor etlichen Jahren in New York hatte ich auch die Möglichkeit, das berühmte Museum of Modern Art zu besichtigen. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass viele Kunstliebhaber glänzende Augen bekommen, wenn die Rede auf dieses Museum kommt.
Manche der Bilder oder Exponate sprachen mich spontan an, vor anderen blieb ich kopfschüttelnd oder ratlos stehen.

Dann entdeckte ich ein Gemälde, das einfach nur schwarz war.

Nirgends schimmerte das Weiß der Leinwand durch. Der Maler hatte alles sauber ausgemalt, so schien es mir. Ein schwarzes Bild.
Ich stand davor und ärgerte mich. „Da hat es sich aber jemand leicht gemacht!“ dachte ich. „Das ist doch keine Kunst. Das könnte ich auch!“
Verärgert und fast etwas aggressiv setzte ich meinen Rundgang fort. Doch wirklich konzentrieren konnte ich mich nicht mehr auf die folgenden Kunstwerke. Zu sehr arbeitete der Ärger über das schwarze Bild in mir.

Als ich von der Amerikareise zurückgekehrt war, traf ich einen guten Freund, der Kunst und Design studiert hatte. Interessiert erkundigte er sich nach meinem Besuch in dem Museum für Moderne Kunst, einem seiner Lieblingsmuseen.
Ich spürte sofort, wie mein Ärger wieder hoch kam. Ich erzählte ihm von dem Bild und meiner Reaktion darauf. „Einfach nur schwarz, nichts weiter“, schloss ich meinen erzürnten Bericht.
„Was hast du sonst noch in dem Museum gesehen?“, fragte er weiter.
„Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Ich empfand das Bild als Frechheit. Da konnte ich an nichts anderes mehr denken.“
Seine Reaktion überraschte mich. Er lächelte mich an und sagte fast etwas spitzbübisch: „Das ist wohl der größte Traum jedes Künstlers, dass unter all den Werken eines berühmten Museums allein ihr Werk in Erinnerung bleibt. Das muss dich ja sehr fasziniert haben, das schwarze Bild!“
Zuerst wollte ich empört antworten. Doch dann schluckte ich meinen Widerspruch hinunter. Hatte er nicht vielleicht Recht mit seiner Sichtweise?“
Mit einem Augenzwinkern fügte er noch hinzu: „Und nächstes Mal, wenn dir das bei einem Bild passiert, wartest du ab, bis der Ärger verflogen ist. Dann wendest du dich einfach dem Bild neu zu, schaust genau, fühlst genau, und wartest, was zwischen dir und dem Bild geschieht!“

Aus: Rainer Haak, Sieh mal an! Geschichten, die den Blick öffnen
Copyright: Verlag Herder

Vor ein paar Tagen ist dieses kleine, feine Buch im Verlag Herder erschienen. Bestimmt ein schönes Geschenk!

Eine Antwort zu “Das schwarze Bild

  1. Die Geschichte hat mich an ein weisses Bild erinnert. Als ich in Ausbildung war, hat die Kunsthochschule einen Wettbewerb ausgeschrieben, jeder der Teilnehmer hat 1m2 Platz auf einer Wand bekommen. Die skurrilsten Bilder sind dort erstanden. Aber ein Teilnehmer hat sein Quadrat „nur“ weiss angestrichen und hat dadurch gewonnen. Viele konnten das nicht verstehen, ich auch nicht. Dennoch ist dies das einzige Bild, das mir noch in Erinnerung ist.
    Gruss anDrea

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